Gespräch mit Frau von Winkelmann - Mein Blog - Tischlerei Veit in Taucha - Individuelle Tischlerarbeiten und Holzspielzeug

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Gespräch mit Frau von Winkelmann

Herausgegeben von in Geschichten ·
In der Handtasche meiner Frau liegt mein Hausschlüssel und ich stehe vor unserer Tür.
Es wird noch mindestens 20 Minuten dauern - was tun?

Der Frühlingsabend ist angenehm mild und auf den Bänken, die man vor Jahren aufgestellt hat saß ich noch nie.
Als Kinder war das unsere "Anlage": eine Wiese, ein Gebüsch, der Rotdornbaum und der Brunnen.
Bänke hätten uns damals beim Spielen gestört; wir brauchten Platz, wir waren etliche Kinder bei 1-2-3 ins faule Ei.

Jetzt sind Kinder hier die Ausnahme. Sie steigen schnell, von der Musikschule kommend, bei Mama oder Papa mit Ihrer Geige ins Auto und schon sind sie weg.
Wir wären erst einmal ein paar Runden um die Anlage mit dem Rad gefahren und dann... . Uns fiel immer was ein.
Die Bank ist bequem, irgendwo bellt ein Hund,und plötzlich höre ich:" Na, Jungchen du kannst mich wohl nicht sehen."

Ich sah, außer irgendeinem Busch, tatsächlich nichts.Ich hörte also Stimmen- war der letzte Ouzo einer zuviel?
Wieder: "Setzt dich doch auf die andere, die andere Bank."
Es war eine Frauenstimme,etwas dunkel, etwas rauchig, ziemlich erotisch.
"Diese Kulturbanausen haben diese blöden Busch genau so gesetzt, daß man mich nicht sieht. Der Begriff Sichtachse ist für diese Leute ein absolutes Fremdwort!"
Die Frau vom Brunnen sprach mit mir!
"Denn ihr Plan ist, mich wie Dornrösschen, in Vergessenheit zu bringen ! Doch ich bin nicht Dornrösschen.
Mit einer Frau von Winkelmann sollte man sich nicht anlegen!"

Ich wechselte die Bank. "Schau an, Jungchen da bist du ja.
"Ja klar" murmelte ich. Im Prinzip kannten wir uns.

Meine Gedanken erahnend sprach die steinerne Dame:" Als ihr vor 50 Jahren auf mir rumgeklettert seid war des wenigstens ein Abwechslung.
Die damals den Ton angaben hatten es in vierzig Jahren nicht geschaftt meine Wasserleitung für meine Schale in Gang zu setzen. Doch da hatte ich euch, ringsrum wohnten Kinder und alle saßen irgendwann bei mir. Alle waren scharf nach meinen steineren Brüsten. Stimmst Jungchen, du auch?"

Es stimmte und lächelnd sagte ich zu ihr: "Ja so war das. Aber einmal bin ich von Ihnen abgestürzt - Knie und Arme bluteten
" Ja, Jungchen und Wasser zum kühlen hatte ich nicht! Kannst mich Marie-Luise nennen"

Oft war unser Treffpunkt am oder auf dem Brunnen. Hatte es länger geregnet stand Wasser im Becken und es fing mit der Zeit an zu stinken.
Als ob sie Gedanken lesen konnte meinte sie:" Dann haben sie später Blumen ins Becken gepflanzt. Eine blanke Verzweiflungstat! Keine Wasserleitung, keine Pumpe, kein Wasser, aber Blumen. Weißst Du wie ich da die Luft anhalten musste"
"Das mit den Blumen war doch so schlecht nicht" meinte ich.
"Aber nicht bei einer von Winkelmann im Becken, mein Junge!"
"Ja,klar sie haben recht Marie Luise." Was sollte ich sonst sagen.

" Als sich das Blatt wendete hatte ich die Hoffnung das man mich irgendwie wieder erweckt"

Um ehrlich zu sein ich hatte damals an alles mögliche gedacht , aber daran nicht.
Plötzlich war unsere Anlage mitten im Sanierungsgebiet und eines Tages war der Brunnen hinter einer Art spanischen Wänden verschwunden.
Irgendjemand strahlte den Dreck von Jahrzehnten von Marie Luise runter und sie erstrahlte in heller Schönheit, wahrscheinlich wie am ersten Tag.

"Es waren Leute voller Enthusiasmus die mir endlich wieder Wasser in die Schüssel gaben. Sie bauten einen Behälter in die Erde mit Pumpe. Das Wasser fing an zu sprudeln. Und als besondere Krönung wurde ich bei Dunkelheit mit Licht angestrahlt. Ich hatte meine grosse Bühne wieder!"

Es gab eine festliche stattstragende Einweihung und der Schützenverein schoß Salut. Und für mich hatte unser Brunnen, seit ich denken konnte,zum ersten Mal Wasser das sprudelte. Bei Dunkelheit war das schon etwas Besonderes. Unser Anlage war fast schon eine Sehenswürdigkeit.

Ich merkte wieder wie Marie Luise mich musterte, oder konnte sie schon wieder meine Gedankengänge erahnen?

"Ja mein Guter , wenn nur nicht dieser blöde Wind andauernd mein Wasser verwehte!"

Ich kam nicht gleich drauf.
" Na, mein Kleiner, kannst du dich nicht an diese echten Kinder erinnern? Die fuhren, fast wir ihr damals, barfuß und ohne diesen komische Kopfbedeckung mit dem Rad um die Anlage. Ab und an flog mal einer hin, doch auch mit blutigen Knie kann man weiterfahren. Genau wie ihr damals, weißt du nicht?"

Ich wusste es, bei Morys um die Kurve und... das Vorderad rutschte weg. "Aber was hat das mit Ihrem Wasser zu tun?"

"Ein ganze Menge, Jungchen! In das Haus ,was ihr immer Diakonat nennt, war eine Familie mit eben diesen Kindern, richtige Kinder mit laufenden Nasen und blauen Knien eingezogen. Und einem Vater dem ich sehr wichtig war."

Bei mir dämmerte es. Der junge Mann, Sänger im MDR-Chor, legte immer mal einen Schlauch aus seiner Tür zum Brunnen. Er füllte Wasser auf.
Was geschehen? Der Wind bließ Wasser weg vom Becken.
"Und plötzlich war mein Vorrat alle! Er baute mir dann noch ein Blech an die Schüssel um dem Wasser eine Richtung zu geben jedoch es war nicht die Lösung, aber ich ließ ihn gewähren"

Ich hatte ihn dann mal als Kunden. Mir erklärte er, daß irgendwann die Pumpe den Geist aufgab, ob nun trocken gelaufen oder der Frost sein Opfer gefunden hatte.
Und Geld für eine neue Pumpe wäre keins da.

Da riß mich Marie Luise aus den Gedanken: " Fassen wir einmal zusammen, mein junger Freund, ehrenamtlich hat mich nach der Wende ein dufte Truppe wieder mit Wasser versorgt. Obwohl sie sich die größte Mühe gaben war die Konstruktion nicht optimal und die Pumpe soll kaputt sein. Der schöne Scheinwerfer übrigens auch. Manchmal kommt es einfach ganz dicke. Aber, nun bedenke Jungchen, auf wessen Grund und Boden stehe ich den? Bei keinem von den fleißigen Bienchen im Vorgarten! Nein, auf städischen Boden, wenn ich mich täusche! Und eine von Winkelmann täuscht sich fast nie!!"

Ich nickte und wollte gerade antworten aber Marie Luise sprudelte weiter. Spudelte?!

" Und wer bitte sollte sich dann um mein Problem kümmern?"
Jetzt war ihr Ton schon sehr bestimmt und trotzdem hörte es sich schon etwas abfällig an.
" Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen. Weißt du, mein Junge, wer das gesagt hat!!"

" Das ist von Goethe, meine Liebe" Ich wurde mutig - meine Liebe.

"Und, junger Freund?"

"Was man nicht nützt ist eine schwere Last. Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen. Goethe Faust. Der Tragödie erster Teil"

" Und warum kann wahrscheinlich mit diesem Goethschen Gedanken in eurem Haus der Verwaltung keiner was anfangen. Ich glaube ihr nennt es Rathaus, mein Kleiner. Sind dort nur Kulturbanausen? Es ist eine Tragödie!"

Sollte ich hier wieder nicken?
Doch Marie Luise von Winkelmann legte noch einmal nach: "Weißt du, dort wo du sitzt saßen schon viele andere. und ich glaube schon mancher Fachmann war dabei. Diese Gespräche habe ich gerne belauscht. Eine Wasserleitung legen, einen Brunnen bohren - da ist immer Wasser da. All das hab ich hier schon gehört. Und dann immer wieder: Aber das kostet Geld!
Ja logisch, was sonst. Ich weiß, daß vor dem Haus der Verwaltung ein Brunnen mit zwei läppischen Steinkugeln steht. Der geht immer - kostet es was wolle! Aber Frau von Winkelmann lässt man auf dem Trockenem sitzen und am besten zuwachsen! Es sind doch Kulturbanausen! Und das allergrösste ist das man beim Stadtfest einem Doubel auf einem schnöden Lastwagen huldigt und Beifall klatscht. Du solltest dich drum kümmern, daß man Plakate mit einem Spendenaufruf an diese Kiste hängt. Das würde Sinn machen!"

Jetzt kam ich in die Zwickmühle. Ich murmelte: "Das wäre schon eine Idee"

"Ja, ja alles nur Gerede" sagt sie und klang erwas müde. "Ich glaub , deine Frau kommt."
Erleichtert meinte ich:" Wir reden irgendwann weiter."

"Ja . geh schon"

Ich wusste, daß ich sie traurig zurücklassen musste.
Aber wenn ich ihr gesagt hätte, daß ich erst kürzlich über zweitausend Euro an die Stadt dafür bezahlt habe weil mein Grundstück durch die Sanierung hier, und dazu zähle ich die Neubelebung von Marie Luises Brunnen mit, angeblich wertvoller geworden ist, weiß ich wie ihre Reaktion gewesen wäre.
Denn mit diesem Geld hätte man Frau von Winkelmann erneut Leben einhauchen können.
Demnächst werde ich ihr wohl das beichten müssen. Aber neues Ungemach droht ihr schon wieder. Ich glaube die Kulturbanausen setzen ihr schon wieder zu; mit einem Käfig in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft.
Hier in der denkmalgeschützten Altstadt.

Und wie war das mit dem Goethezitat...?





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